Bitte ernstnehmen statt instrumentalisieren

Während ich wie jedes Wochenende gemütlich der Fußballbundesliga-Show auf NDR2 lauschte, lief es mir auf einmal kalt den Rücken hinunter. Zur besten Sendezeit lief ein Werbespot von Vandapharmaceuticals, der allen Ernstes behauptete, dass blinde Menschen undifferenziert nicht gut durchschlafen könnten. Sehr wahrscheinlich möchte man von Seiten VANDAs auf diese Weise ein Schlafmittel an den Mann bringen. Dass man dabei aber so wörtlich behauptet, dass „die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit“ blinder Menschen dadurch generell eingeschränkt ist, kann ich nicht auf mich sitzen lassen.

Aus diesem Grunde habe ich folgenden Brief an das Pharmaunternehmen geschickt. Die Weihnachtszeit ist zwar für gewöhnlich Friedenszeit, aber so etwas geht gar nicht:


An die Geschäftsführung
Vanda Pharmaceuticals
Französische Straße 12

10775 Berlin

13.12.2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

mein Name ist Carsten Dethlefs, promovierter Wirtschaftswissenschaftler und seit meinem vierten Lebensjahr vollständig erblindet.

Mit Verwunderung, ich möchte sagen, mit Entsetzen habe ich Ihren Radio-Werbespot gehört, wonach blinde Menschen nicht durchschlafen können und daher tagsüber unkonzentriert und wenig leistungsfähig sind. Ich kämpfe seit meiner Erblindung dafür, dass blinde Menschen in der Öffentlichkeit ernst­genommen werden und man ihnen etwas zutraut. Ihre Kampagne sagt genau das Gegenteil aus, und ruiniert auf diese Weise meine Chancen und die anderer, im Alltagsleben als erfolgreich und gleichwertig wahrgenommen zu werden.

Sie machen sich vermutlich keinen Begriff davon, welchen wirtschaftlichen Schaden ein blinder Mensch und dadurch die Volkswirtschaft als Ganzes erleidet, wenn solche negativen gedanklichen Verbindungen hergestellt werden. Wie ich darauf zu reagieren pflege, sehen Sie auch anhand eines Artikels aus dem Jahr 2010 aus der WELT, den ich Ihnen beilege.

Wir sind wahrscheinlich bereits an einem Punkt, an dem das bloße Stoppen der Kampagne noch nicht einmal mehr ausreicht, eine Gegendarstellung wäre vonnöten. Ansonsten nehme ich Ihre Kommunikationsstrategie als Ver­leumdung oder üble Nachrede wahr. Mein Anwalt wird mir wahrscheinlich noch weitere strafrechtlich relevante Sachverhalte schildern können.

Ich möchte Sie daher bitten, ich verlange es geradezu, Ihre Kampagne in der Tonalität vollständig abzuändern oder sie alternativlos zu stoppen.

Um zumindest noch etwas Schaden abzuwenden, werde ich diesen Brief ab kommenden Sonntag, den 16. Dezember 2018 in meinem Blog auf www.Carsten-Dethlefs.de veröffentlichen.

Ich sehe durchaus die Vorteilhaftigkeit, Menschen mit Special Needs und so auch die blinden Personen als Zielgruppe zu verstehen. Es ist allerdings ein No-Go, diese Gruppe von Menschen über einen Kamm zu scheren und kollektiv als solche darzustellen, die Schlafprobleme haben und deshalb nicht leistungsfähig sind. In den Vorlesungen an der Fachhochschule Westküste in Heide teile ich daher in meiner Funktion als Dozent den Studenten in der Vorlesung stets mit, wie heterogen diese Zielgruppe doch in Wirklichkeit ist.

Ich hoffe auf Ihr Verständnis und die sofortige Einstellung der Kampagne, die zudem noch zur besten Sendezeit läuft.

Mit besten Grüßen,

Ihr ausgeschlafener

Dr. Carsten Dethlefs

Ein Kommentar “Bitte ernstnehmen statt instrumentalisieren

  1. Lydiaswelt:

    Diese Kampagne ist einfach nur eine absolute Frechheit. Als blinde Mutter, die ihr Leben lang für Gleichberechtigung und Gleichbehandlung kämpft, empfinde ich das als Schlag ins Gesicht.

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