Der Weg des Lebens

Nur Mut, lesen Sie weiter.

forest Quelle: pixabay - cocoparisienne

forest Quelle: pixabay – cocoparisienne

Es waren einmal zwei Brüder. Diese Brüder waren in dem richtigen Alter, um genau wie ihr Vater einst, auf die Walz zu gehen. Nur waren sie handwerklich gar nicht geschickt und fürchteten sich geradezu vor einem Leben, wie es ihr Vater führte. Doch wussten sie keinen Ausweg. Ihr Vater hielt sie jeden Tag zur Eile an und beschwor die Bedeutung der Erlebnisse und Prüfungen, die ihnen auf ihrem Weg begegnen würden. Als die Brüder dann eines Abends erneut ratlos vor dem Haus ihrer Eltern saßen, hörten sie auf einmal ein Knacken, verspürten einen Luftzug und erschraken über eine merkwürdige Berührung. Da erblickten sie ein Wesen des Windes. Feengleich stand eine wunderschöne Frau vor ihnen, die aber ganz sicher nicht zu den Menschen zählte. Sie sprach mit einer hellen, flüsternden und hallenden Stimme zu den Brüdern: „Ihr sucht nach Eurem Weg, traut Euch aber nicht, wie Euer Vater auf Wanderschaft zu gehen. Ich biete Euch meinen Rat an.“ Die Brüder waren verwirrt, erstaunt und ängstlich zugleich. „Sprich zu uns“, flüsterte einer der beiden, „hilf uns aus unserer Not.“ „Euer Wunsch ist mir Befehl. Ihr dürft nur keine Fragen stellen und müsst genau das tun, was ich Euch sage. Sonst werdet Ihr niemals glücklich.“ Die Brüder staunten und zitterten vor Angst. Letztlich willigten sie aber ein, weil sie sich noch viel weniger wieder ins Haus zu ihrem Vater trauten. So fuhr die Fee schließlich fort: „Ihr kennt den Wald hier in der Nähe, wart schon oft ein Stück hineingegangen. Ihr werdet in diesen Wald gehen und ihn bis zum Ende durchqueren. Anschließend verrate ich Euch die Lösung für Euer Problem.“ Die Brüder wollten protestieren und etwas erwidern, doch da war die Fee schon entschwunden. Verdutzt blieben die Brüder zurück. War es ein Traum? War es ein Streich? Sie wussten es nicht und konnten auch niemanden mehr fragen. Denn außer Ihnen und der geisterhaften Gestalt der Fee war niemand hier gewesen. So machten sich die jungen Männer auf zum Wald, genauso wie es ihnen die Fee aufgetragen hatte. Am Wald angekommen, begannen sie das ihnen bereits bekannte Stück in das Unterholz hineinzulaufen. Als sie sich aber nicht mehr auskannten, wollten sie schier verzweifeln. Da sprach der ältere Bruder dem jüngeren Mut zu, und sie gingen weiter. Nach ein paar Kilometern gerieten sie an einen dichten Busch, der von dornigem Gestrüpp umwuchert war. Dieses Mal verzweifelten die beiden Brüder nicht sofort, sondern versuchten mit Leibeskräften und ihren mittlerweile schon blutigen Händen, das Gestrüpp zu entfernen. Der jüngere Bruder kam auf die Idee, dass sie mit Hilfe ihres Körpergewichts einen Ast abbrechen könnten, um damit das Gestrüpp noch besser zur Seite schlagen zu können. Um ihre schmerzenden Hände zu schützen, könnten sie diese in den Beutel stecken, den sie auf dieser Strecke mit sich trugen. Der dicke Ast, den die Brüder auserkoren hatten, brach erst beim dritten Anlauf. Aber schließlich konnten sie ihn verwenden, um das Gestrüpp zur Seite zu schlagen. Schon nach kurzer Zeit gab es kein Zurück mehr. Sie steckten geradezu im Gestrüpp fest. Dennoch versuchten sie weiter mit Leibeskräften das Dickicht zu durchdringen. Sie wähnten sich nach einer ganzen Weile schon im Jenseits angekommen und kamen nur mit allergrößter Mühe voran. Es dauerte noch eine Weile, bis sie durch den dichten Busch hindurch einen Lichtschein schimmern sahen. Nur wenige Schritte später kamen sie erschöpft und vollkommen zerkratzt auf einer Lichtung an. Nach einer kurzen Verschnaufpause trieb dieses Mal der jüngere der Brüder den älteren zum Weitergehen an. Jeder Schritt schmerzte. Sie waren aber gleichzeitig sehr froh, schon so weit gekommen zu sein. Nach einem guten Stück Weges, das sie nach einer gefühlten Ewigkeit zurückgelegt hatten, erblickten sie zwischen Ästen und einer dichten Baumreihe einen Wasserlauf. Der Fluss lag zwar ruhig vor ihnen, war aber scheinbar so breit, dass man ihn nur sehr schwer würde überqueren können. Erschöpft und ratlos ließen sich die Männer am Ufer ins Gras sinken. Des Schwimmens waren sie kaum mächtig, weshalb sie sich nicht trauten. Zudem wussten sie aus Erzählungen, dass sich in diesem Fluss ein wilder Karpfen befinden sollte, der schon einige Angler schwer verletzt hatte. „Schau mal“, sprach der jüngere Bruder, „wenn ich den Ast, den wir vorhin benutzt haben, um das Gestrüpp zu überwinden, hier ans Ufer lege, liegt er mit der anderen Seite schon am anderen Ufer. Wir könnten uns entlanghangeln.“ „Aber der Karpfen,“ wandte der ältere Bruder ein. „Den Karpfen haben bislang nur zehn Angler gesehen, drei haben sich anschließend in der Angelschnur verfangen, und nur einer von ihnen wurde so schwer verletzt, dass er nie wieder angeln konnte. Wir müssen es riskieren.“ Gesagt, getan. Das eine Ende des Astes steckten die Brüder an der Uferböschung tief in die Erde. Das andere Ende reichte knapp bis ans andere Ufer. Vorsichtig betraten sie jetzt das trübe Nass des Flusses. Bibbernd vor Kälte und Angst hangelten sie sich Stück für Stück an das andere Ende des Wasserlaufs. In diesem Moment dachte niemand von ihnen mehr an den wilden Karpfen. Nach einer gefühlten Ewigkeit gelangten sie schließlich an das rettende Ufer. Zunächst drohten sie noch abzurutschen. Sie fingen sich aber und plumpsten nur wenig später in das hohe Ufergras. Erst jetzt merkten sie, wie unendlich erschöpft und hungrig sie waren. Welch einen Weg hatten sie in den letzten Stunden schon zurückgelegt? Sie waren stolz auf ihre Leistung, wussten jedoch, dass sie noch weitergehen mussten. Der Wald schien sich endlos hinzuziehen. Doch konnten sie auf eine Stärkung bald nicht mehr verzichten. Sie wussten, dass sie verhungern und verdursten würden, wenn sie nicht bald eine stärkende Quelle finden konnten. Das Wasser des Flusses war sehr kalt gewesen und taugte nur bedingt als Durstlöscher. Gegessen hatten sie aber tatsächlich nichts mehr, seitdem sie aufgebrochen waren. Fische waren in dem Fluss nicht zu erblicken, noch nicht einmal der wilde Karpfen. Es dauerte allerdings nicht lange, da hörten die Brüder ein Summen, das lauter und immer lauter wurde. Schon bald erblickten sie einen Baumstamm, der sonderbar nach Honig roch. Es war auch sicherlich Honig darin, denn der Baumstamm wurde von einer Horde Bienen umschwärmt. Die jungen Männer waren verzweifelt. Die Lösung ihres drängendsten Problems war so nahe und doch so unerreichbar. Tränen traten in die Augen der Brüder. Da sagte der ältere von Beiden: „Wir müssen an den Honig kommen. Sterben können wir hier, ohne etwas zu tun, oder wir versuchen zumindest zu überleben, und schaffen es vielleicht.“ Der jüngere Bruder war noch nicht ganz überzeugt, da ging der ältere bereits mit großen Schritten auf den Baum zu. Er brach einen neuen Ast vom benachbarten Baum und klopfte gegen den Stamm. Das Gesumme der Insekten schwoll an, und sie schienen wütend zu werden. Da ergriff der mittlerweile auch zum Baum gelaufene jüngere Bruder mit bloßen Händen ein großes Blatt, füllte es mit Honig und stürmte wieder zurück. Gemeinsam aßen die Brüder den Honig, ohne auch nur von einer Biene gestochen worden zu sein. Auch Wasser konnten sie aus einem Bach schöpfen, der nur wenige Meter entfernt lag. Nach etwa einer Stunde fühlten sich die Männer wieder so stark, dass sie weitergehen konnten. Sie spürten eine ungewohnte Wärme auf ihren Gesichtern, und merkten erst langsam, dass sie den Wald hinter sich gelassen hatten. In diesem Moment stiegen ihnen Tränen der Erleichterung und des Glücks in die Augen. So merkten sie auch nicht, wie sich ein Wesen anschlich. Es war ein Wesen, das nichts Menschliches hatte, ein Wesen des Windes: „Ihr habt Eure Prüfungen bestanden“, raunte die Fee verheißungsvoll, „vielleicht seid Ihr keine guten Handwerker. Wenn Ihr aber immer zusammenhaltet, könnt Ihr jede Prüfung des Lebens bestehen. Das habt Ihr bewiesen.“ Die Brüder sanken zu Boden und dankten der geisterhaften Gestalt. „Ihr braucht mich jetzt nicht mehr. Ihr seid in den letzten Tagen zu richtigen Männern geworden.“ Die Brüder standen auf, gingen schnurstracks zurück zum Haus ihres Vaters und eröffneten ihm, dass sie jetzt bereit seien, das Elternhaus zu verlassen. Die Mutter winkte ihnen noch etwas bekümmert hinterher. Nach einer kurzen Zeit entschwanden sie aber ihrem Blickfeld.

 

P.S. Ich finde, dass zu meinem Märchen wunderbar das folgende Lied passt: „Schandmaul: Die drei Prüfungen“

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